Leseprobe

 

2021 / 88 Seiten /21 x 14,8 cm Bilder Farbe und schwarz/weiß

ISBN 978-3-0-20-068399-2

 

 

Der Inhalt des Buches gibt in Form von Anekdoten und Geschichten Einblick in die tägliche Arbeit

eines Berufs-Zauberkünstlers. Kennt man den Zauberer eigentlich nur auf der Bühne, haben die

wenigsten Zuschauer aus dem Publikum auch nur annähernd eine Ahnung über die Arbeit die

dahinter steckt. Für die, die sich für den Beruf eines Zauberkünstlers interessieren, oder sich

einfach nur informieren möchte, ein unverblümter lesbarer Vorgeschmack.

 


24 Stunden im Einsatz

 

Die Anfahrt von Ingolstadt bis in die Nähe von Hannover hatte uns schon  gestresst: Auf der Autobahn war ziemlich Verkehr und Stau ohne Ende. Weil wir sehr früh von Ingolstadt losgefahren sind, hatten wir wegen der vereinbarten Ankunftszeit, kein Problem hinsichtlich Pünktlichkeit.

Unsere Show sollte um 22.00 Uhr beginnen. Dauern sollte sie eine knappe Dreiviertelstunde. Wir haben schon bei der Besprechung gebeten die Auftrittszeit, wenn möglich einzuhalten, weil wir danach sofort Abreisen müssen wegen eines Auftrittstermins am nächsten Tag im Festsaal des Stadttheaters Ingolstadt.

Der Veranstalter hielt sich an die Abmachung. Nach unserer Show konnten wir kurz vor Mitternacht die Heimreise antreten. In Ingolstadt sind wir gegen 6.30 Uhr angekommen und direkt ins Stadttheater gefahren, um dort unsere Show vorzubereiten.

Wir waren vor Beginn der Veranstaltung, die ersten im Saal. Die Stühle standen noch kreuz und quer vom Vorabend. Unser Auftritt sollte gegen Mittag sein. Dabei habe ich mir in dem Moment noch nichts gedacht. Nach etwa eineinhalb Stunden der Vorbereitung machte sich bei uns die Müdigkeit breit, also fuhren wir nach Hause, um etwas zu schlafen.

Weil wir unsere Show im Stadttheater bereits vorbereitet hatten, reichte es aus, gegen elf Uhr die Garderobe aufzusuchen. Also eine Stunde unserem Auftritt.

Wir suchten gleich den Festsaal auf, um die herrschende Atmosphäre aufzunehmen und den Technikern von Ton und Beleuchtung den Showablauf mit den entsprechenden CDs zu übergeben. Mit den beiden Technikern von der Regie war keine lange Einführung nötig, die kannten uns bereits von vielen Veranstaltungen.

Was wir auf dem Weg zur Regie im Saal zu sehen bekamen, ließ uns Schlimmes erahnen. Die Bestuhlung war nicht so wie vorgesehen eine Reihenbestuhlung, sondern Tische und Stühle waren wie in einem Restaurant aufgestellt. Aber was uns noch mehr schockierte: Die Bedienungen servierten den Mittagtisch für schätzungsweise 300 Leuten und unser Auftritt sollte in weniger als 20 Minuten stattfinden!

Ich suchte im Haus den Restaurantpächter. Der war derart im Stress, sodass ich ihn vorsichtig ansprach, obwohl mein Puls bereits auf 180 war. „Sollen wir auftreten, während dem Mittagessen?“ fragte ich den gestressten Restaurantpächter. „Ja, warum“, antwortete er. „Ihr macht das schon“, setzte er nach, und schon war er in der Küche verschwunden. Zur Alexandra gewandt sagte ich: „Stell dich drauf ein, das kann heiter werden!“

Unser Programm für die Veranstaltung stand schon seit Wochen fest. Eine abwechslungsreiche Show unter Einbeziehung des Publikums sollte es sein. Aber wie sollten wir das Publikum einbeziehen, wenn alle vor ihren Tellern sitzen?

Improvisation war wieder mal gefragt. Gottseidank saß in der Regie Techniker, die unsere Show fast auswendig kannte und oft die Musik für uns einspielten. Der Tontechniker kannte auch die Bezeichnung unserer Großillusionen, die mit auf unserem Ablaufplan vermerkt waren. Die Sprechnummern musste ich überspielen, ich übernahm dafür auch die Rolle der Zuschauer gleichzeitig. Sie denken das geht doch nicht? Doooch – das geht. Erfahrung ist alles!

Weil wir improvisieren mussten, haben wir mit dem Tontechniker kurz vorm Auftritt vereinbart, wenn Alexandra eine unserer Großillusionen auf die Bühnenmitte schiebt, soll er sofort die mit Nummern und Namen versehene CD einspielen.

Unser Ablauf ging zwar etwas durcheinander, aber das Publikum hat nichts bemerkt. Mit Hilfe des gewieften Tontechnikers hat alles reibungslos funktioniert. Was uns aber fast an die Grenzen unserer Belastbarkeit trieb war, das Abräumen des Geschirrs von den Tischen während unserer Show und das Geklapper von Messern und Gabeln von denen, die immer noch vor ihren halbvollen Tellern saßen. Die Geräuschkulisse war unerträglich.

In der Regie haben sich wieder mal zwei Profis bewährt. Das war uns ein dickes Trinkgeld wert. Der Herr Restaurationsbetreiber meinte, inzwischen schon etwas entspannter: „Hat doch wunderbar geklappt!“ Und: „Auf euch habe ich mich doch schon immer verlassen können!“. Dann verzog er grinsend sein Gesicht, zuckte mit den Schultern und war schon wieder verschwunden. Die 24 Stunden-non-Stopp „Ochsentour“ nahm damit ein glückliches Ende.

 

 

 

Darüber amüsierte sich ein ganzes Dorf

 

Auftritt in einem Bierzelt östlich von Landshut. Bei solchen Veranstaltungen sind große Requisiten Voraussetzung, sonst würden das Publikum in den letzten Bänken unsere Show nicht verfolgen können. Der Wunsch des Veranstalters an uns war, den Herrn Bürgermeister in die Show mit einzubeziehen. Der war aber vom Veranstalter bewusst nicht davon in Kenntnis gesetzt worden. Es sollte eine Überraschung sein.

Unter großem Beifall des Publikums holte ich den Herrn Bürgermeister auf die Bühne. Die Szene wurde von mir ausgespielt: bisschen Nettigkeiten, Zauberhut auf, Zauberstab, sowas mögen die Leute nicht nur auf dem Land. Ich bat ihn auf den Stuhl Platz zu nehmen, den wir zuvor schon dafür vorbereitet hatten.

Kaum hatte es sich der Herr Bürgermeister auf dem Stuhl bequem gemacht, traute ich meinen Augen nicht. Herr Bürgermeister hatte sich zuvor Bratwürstl mit Sauerkraut bei der Bedienung bestellt, die Bedienung kam nun auf die Bühne gelaufen und drückte dem verdutzten Bürgermeister den Teller in die Hand. Ich traute meinen Augen nicht: „Das kann nicht sein.“, dachte ich mir. Das Publikum rastete aus. Lachen, Pfiffe und Applaus einige Minuten lang. Ich hatte so etwas noch nicht erlebt.

Der Herr Bürgermeister verließ sogleich die Bühne mit seinem Teller und im Gefolge die Bedienung. Das Publikum klatschte rhythmisch bis der Herr Bürgermeister an seinem Platz vor dem Podest angekommen war. Ich überlegte inzwischen krampfhaft, wie ich diese Situation überspielen könnte, um den Anschluss an unsere Show wieder zu finden. Aber wir haben das ganz gut hingekriegt. Außerdem habe ich eine Assistentin die mitdenkt.

Am Ende unserer Show wurde der Herr Bürgermeister unter tosendem Applaus des Publikums wieder auf die Bühne gebeten, um sich als „Zauberer“ zu präsentieren.

 

 

 

New York – New York

 

Was ist der Unterschied zwischen „New York – New York“ und „New York - New York“? Das bemerkten die Zuschauer spätestens bei der Silvestershow in einer oberbayerischen Stadthalle nach unserer auch zufällig gleichklingenden Eröffnungsmusik. Hatten die Zuschauer zum Jahresausklang doch Eintrittskarten für eine Gesangsmischung aus Musicals erworben und keine „Große Illusionsshow“.

Die Stadthalle war mit 600 Plätzen restlos ausverkauft. Nicht wie von den Zuschauern erwartet, standen Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, sondern Pierre Breno & Alexandra, das „Magier Duo mit internationaler Karriere“. Die Zuschauer wurden vom Veranstalter völlig überrumpelt. Da weder die Presse informiert war, noch am Aushang in der Stadthalle die Programmänderung angezeigt war.

Was war vorausgegangen: Der Leiter der Stadthalle rief mich Anfang Dezember an. Er war ganz aufgeregt und berichtete mir, dass die Musical-Truppe die Silvestershow abgesagt hatte und fragte, ob wir nicht einspringen könnten. Die Absage der Veranstaltung wäre für ihn eine Katastrophe. Die Silvestershow wurde bereits schon Monate zuvor von ihm gebucht. Die Veranstaltung war in wenigen Tagen nach Bekanntgabe bereits ausverkauft. „Und wie lange soll unsere Show sein?“, frage ich: „Von 19.30 Uhr bis 21.30 Uhr, dazwischen 15 bis 20 Minuten Pause“, antwortete er mir. So kurzfristig - das war eine harte Nummer.

Gleich absagen wollte ich dem Leiter der Stadthalle nicht, dafür kannten wir uns zu gut. Ich sagte zu ihm: „Ich schau mal was ich tun kann!“. Unser Problem war, weil uns um 23.00 Uhr, also kurz vorm Jahreswechsel, ein Bürgerhaus nähe Rosenheim bereits gebucht hatte.

Nach dem Motto: „Hoch lebe die Organisation“, war für uns eine Planung im Minutentakt angesagt. Wir rechneten hin und her, weil uns noch genau 18 Minuten in der Zeitplanung fehlten, um beide Veranstaltungen unter einem Hut zu bringen.

Ich setzte mich also gleich mit dem Wirt des Bürgerhauses bei Rosenheim in Verbindung und bat ihm unsere Vorstellung um eine Viertelstunde zu verschieben. Also, anstatt 23.00 Uhr, Beginn 23.15 Uhr. „Kein Problem“, sagte er. „Ihr müsst nur vor Mitternacht eure Show beenden!“, ergänzte er.

„Hoffentlich spielt das Wetter mit. Schnee oder Glatteis können wir an dem Abend wirklich nicht gebrauchen!“, dachte ich mir. Sollte deswegen eine der Shows ausfallen, könnte es ziemlich Ärger geben.

Wir sagten dem Leiter der Stadthalle zu. Der war erleichtert und bot uns die doppelte Silvestergage an. Die zusätzliche Show für Silvester bedeutete für uns, ein Mehraufwand an Vorbereitung. Denn jedes Jahr im Dezember hatten wir sehr viele Auftritte, von Close up im kleinen Rahmen bis zu Bühnenshows mit Großillusionen. Da war Hochbetrieb. Ein Zwei-Stunden-Show hatten wir zwar im Repertoire, die boten wir aber nicht unbedingt vorranging an. Gottseidank hatten wir den Ablauf, der letzten zwei Stundenshow, in unserem PC noch gespeichert. Allerdings war uns klar: Proben war zeitlich nicht möglich. Improvisation war wieder mal angesagt!

Am Silvesterabend! Hinter der Bühne der Stadthalle, kurz vor unserem Auftritt, erschien der Leiter der Stadthalle ziemlich nervös. So kannte ich ihn eigentlich nicht. Auf meine Frage: „Geht’s ihnen heute nicht gut?“, antwortete er: „Ich muss euch leider etwas Unangenehmes mitteilen: „Das Publikum wurde nicht darüber informiert, dass die ursprüngliche Musical Darbietung nicht stattfindet und ich euch dafür engagiert habe.“ Das war ein Hammer. Ich musste mich da erstmal hinsetzen. Ich stellte mir in dem Moment bildlich vor, dass im Saal gleich ein Tumult ausbrechen würde, wenn die jetzt die Wahrheit erfahren.

„Viel Glück!“ sagte ich zu ihm, bevor er an das  Mikrofon trat um den Zuschauern die Programmänderung mitzuteilen. Es war muxmäuschenstill im Saal. Nach seiner kurzen Einleitung hinsichtlich des Programms, hörte man nur ein monotones Gemurmel aus dem Zuschauerraum. „Kein Applaus - hört sich nicht gut an!“, sagte ich zur Alexandra. Wir wurden von ihm im Anschluss gleich im einen Zug  angekündigt. Alexandra und ich betraten die Bühne. Die Zuschauer empfingen uns mit mäßigem Applaus!

Uns war klar, wir mussten die Zuschauer gleich mit einer Super-Großillusion überzeugt. Die „Origami-Nummer“ die wir auch in Filmproduktionen einsetzten und die Copperfield und Siegfried & Roy ebenso in ihren Shows vorführten, haben wir kurzfristig vorgezogen und das Programm umgestellt. Und das in weniger als 10 Minuten. Das war von uns genau die richtige Entscheidung. Der Applaus hörte sich da schon etwas besser an. Wir waren guter Dinge und der weitere Showablauf bis zu Pause konnte sich sehen lassen.

Der Veranstalter um Versöhnung bemüht, schenkte in der Pause für das Publikum kostenlosen Sekt aus. Beschwerten hielten sich in Grenzen. „Nur sechs Zuschauer haben in der Pause die Veranstaltung verlassen!“, teilte uns der Leiter der Stadthalle kurz vor Beginn des zweiten Teils unserer Show mit.

Mit dem zweiten Teil unserer Show haben wir den Geschmack des Publikums getroffen. Der Applaus am Ende unserer 120 Minuten-Show bestätigte uns das.

Unser nächster Auftritt war um 23.15 Uhr in dem Bürgerhaus in der Nähe von Rosenheim. Wir packten das Notwendigste für die dreißig Minutenshow ein. Nicht benötigte Requisiten ließen wir in der Stadthalle zurück, weil wir keine Zeit hatten die in den PKW einzuladen. Für den Auftritt im Bürgerhaus würden überflüssigen Requisiten im Wege stehen.

Die Auftrittskleidung ließen wir gleich an. Pünktlich um 22.00 Uhr fuhren wir mit unserem PKW ab, zum nächsten Auftritt. Eine Stunde Fahrt hatten wir eingeplant. Das Wetter spielte mit.

Beim Eintreffen im Bürgerhaus stellten wir unsere Requisiten einsatzbereit hinter die Bühne. Viel Zeit hatten wir nicht um uns vorzubereiten. Die CDs für die Musikuntermalung, den Showablauf und das drahtloses Mikrofon habe ich dem Tontechniker in die Hand gedrückt. Um 23.15 Uhr standen wir vor unserem Publikum, das uns mit tollem Applaus empfing und am Ende unserer Show, so kurz vor Mitternacht, ebenso verabschiedete.

Die Zuschauer im Bürgersaal feierten den Jahreswechsel. Wir luden unseren PKW ein und fuhren nach Hause. Knapp 200 Kilometer lagen vor uns. Seit vielen Jahren erleben wir auf der Autobahn den Jahreswechsel. Wir waren oft Kilometerweit die Einzigen die unterwegs waren.

„Wo sind wir denn nächstes Jahr?“, fragte mich Alexandra während der Heimfahrt. Ich wusste das natürlich schon längst. Das blieb aber noch mein Geheimnis.

Die Requisiten vom Silvesterauftritt in der Stadthalle, holte ich am nächsten Tag ab.

 

Ende der Leseprobe